ZIRP um 8: Digitalisierung in der Wertschöpfungskette

Die Digitalisierung ermöglicht eine neue Art der Organisation und Steuerung der Wertschöpfungskette. Viele Unternehmen haben den Trend erkannt und nutzen ihn zur Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftssicherung ihres Unternehmens. Wie finden sie aber die geeignete Strategie und den richtigen Partner? Und welche neuen Technologien helfen dabei und wann sollten sie eingesetzt werden? Diesen und weiteren Fragen widmeten sich die Referenten der Veranstaltung „ZIRP um 8: Digitalisierung in der Wertschöpfungskette“ am 30. Mai 2017 im Erbacher Hof in Mainz.

Schneller, kleiner, günstiger

Digitalisierung ist kein neues Thema. Die Gründe, warum wir uns in den letzten Jahren so intensiv damit beschäftigen, sind laut Prof. Dr. Rolf Krieger, Professor der Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Trier am Umwelt-Campus Birkenfeld, vor allem die immer kleiner und günstiger werdende Hardware, die den Markt durchdringt. Hinzu kommen entsprechende Software und unterschiedliche Arten der schnelleren Vernetzung, die alle Bereiche der Industrie und Gesellschaft bestimmen. Einfacher ausgedrückt: Hard- und Software sind zum Massenprodukt geworden. Gleichzeitig generieren wir eine enorme Menge an Daten, deren Analyse ganz neue Möglichkeiten für die Prozessoptimierung, für die Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsmodelle und die Nähe zum Kunden bieten. Beispiele aus dem Einzelhandel zeigen, welche digitalen Möglichkeiten wir heute schon nutzen und welche in den kommenden Jahren vermehrt auf uns zukommen werden. „Es wird mehr personalisierte Werbung geben – generiert auf der Basis unseres jeweiligen Standortes, auch die Optimierung des Sortiments durch die Verhaltensanalyse des Kunden im Geschäft ist möglich. Vorstellbar ist auch ein automatisierter Checkout-Vorgang durch einen intelligenten, vernetzten Einkaufskorb, der der den Warenwert berechnet und begleicht, sobald der Kunde den Laden verlässt,“ so Krieger. Dass auch der Onlinehandel vermehrt die Nähe zum Kunden sucht, zeige der Amazon Dash Button, durch den Kunden ein bestimmtes Produkt per WLAN direkt nachbestellen können.

Dauerhafte Standards wird es nicht mehr geben

Viele Produktionsbetriebe stehen vor der Aufgabe, bestehende Anlagen in die digitale Zukunft zu überführen. Bei neuen Anlagen ließe sich die durchgängige Digitalisierung von Prozessen bereits weitgehend einfach realisieren, indem einheitliche Kommunikationsstrukturen geschaffen werden, so Uwe Abresch, Geschäftsführer der VISAM GmbH. Was aber tun mit den vielen Bestandsanlagen, die bestimmten Standards nicht entsprechen? Die Antwort sind Bausteine und Module, die eine kostengünstige und nachhaltige Modernisierung für jede Maschine ermöglichen (Beitrag der VISAM GmbH auf unserem Blog). Wünschenswert sei hier ein einheitlicher Kommunikationsstandard, den alle Hersteller einhalten. „Bisher haben sich noch nicht alle Player zu einem gemeinsamen, allgemeingültigen Standard bekannt, in welcher Form technische Systeme miteinander kommunizieren sollen. In der Vergangenheit hat sich allerdings auch gezeigt, dass es den einen Standard dauerhaft nicht geben wird“, so Abresch. Daher seien flexible Bausteine mit einem hohen Maß an Konnektivität nötig. Es dürfen allerdings keine Fremdkörper geschaffen werden, die nicht genutzt werden, weil sie zu komplex seien, gab Prof. Krieger zu bedenken.

Von der linearen Wertschöpfungskette zum Wertschöpfungsnetzwerk

Viele unterschiedliche Schnittstellen erfordern eine hohe Konnektivität. Daher fordert Stefan Meffert, Geschäftsführer der apra-norm Elektromechanik GmbH ein Umdenken „von der linearen Wertschöpfungskette zum Wertschöpfungsnetzwerk.“ Die Verbindungen von Menschen, Objekten bzw. Maschinen und Systemen untereinander seien keine gerade Linien, sondern ein in sich kommunizierendes, unternehmensübergreifendes Netzwerk. Die damit verbundene Komplexität müsse beherrscht werden und der Weg dahin sei nicht einfach und ein stetiger Prozess, so Meffert weiter: „In Sachen Digitalisierung gibt es nichts von der Stange zu kaufen.“ Dieser Ansicht ist auch Uwe Abresch: „4.0 kann nicht als komplett geschnürtes Paket aus dem Regal gezogen werden.“ Digitalisierung dürfe kein reines Top-Down Prinzip sein, sondern eine Fusion aus Top-Down und Bottom-Up, um prozess- und bedarfsgerecht zu digitalisieren.

Forschung und Lehre als strategischer Partner

Potenzial wurde von den Referenten vor allem in Forschung und Lehre gesehen. Forschungsprojekte, die Zusammenarbeit mit Hochschulen und die Initiierung von Masterarbeiten in Unternehmen können einen deutlichen Mehrwert bringen, so Krieger und verwies auf die IoT-Werkstatt der Hochschule Trier am Umwelt-Campus Birkenfeld, die es sich zum Ziel gemacht hat, das Internet der Dinge für Schulen, Hochschulen und Industrie zugänglicher zu machen. Dabei wurde unter anderem ein Konzept erarbeitet, um Schülerinnen und Schüler schneller und mit größerer Motivation als bisher mit den Funktionsweisen der Digitalisierung vertraut zu machen. Kern des Konzepts ist eine Open-Source IoT-Plattform – eine Chance, um künftige Studierende und qualifizierte Nachwuchskräfte zu werben. Auch Stefan Meffert weiß um die Bedeutung von Forschung und Lehre: „Wir haben innerhalb unserer Firma Analysen im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführt, die uns dabei geholfen haben, unseren eigenen Bedarf zu ermitteln.“ Daraus entstanden erfolgreiche Digitalisierungsprojekte wie die Einführung eines Online-Konfigurators für Frontplattendesign. Kunden können hier selbstständig Frontplatten auf ihren individuellen Wunsch hin bearbeiten und direkt an das Unternehmen übermitteln.

Step by Step ist die Devise

Die Maßnahmen zur digitalen Transformation müssen schrittweise erfolgen. Handlungsfelder und Pilotprojekte definieren, Zusammenarbeit mit Hochschulen und Studierenden in Betracht ziehen, jeden einzelnen Mitarbeiter einbeziehen und mitnehmen, das seien wichtige Eckpfeiler für Unternehmen, die noch am Anfang ihrer Digitalisierungskarriere stehen, betonte Meffert. „Nicht direkt das große Ganze wollen“, rät auch Prof. Dr. Krieger. Gerade kleinere Projekte bringen messbaren und schnell sichtbaren Erfolg, was vor allem zur Motivation der Mitarbeiter beitrage.

Digitalisierungsprojekte erfordern daher vor allem „klar definierte Ziele, Abstimmung mit laufenden Prozessen, Technologien und Stakeholdern, die Mitnahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Investition in Aus- und Weiterbildung sowie stabile IT-Systemen und eine hohe Datenqualität“, fasste Krieger zusammen. Somit eine ganze Menge. Gleichzeitig machte er Mut und blickte optimistisch in die Zukunft: „Digitale Transformation hat das Potenzial zur Optimierung, zum Ausmerzen von Schwachstellen, zur Kostenreduktion und Produktverbesserung. Unternehmen müssen sich diesen Aufgaben nur frühzeitig stellen.“

Präsentation von Uwe Abresch (pdf)

Präsentation von Steffan Meffert (pdf)

Die nächste Veranstaltung in der Reihe „ZIRP um 8“ findet am 29. August 2017, 8 Uhr, zum Thema „Arbeit 4.0“ in Kooperation mit dem Zweckverband Industriepark Region Trier und der IHK Trier in Föhren statt. Anmeldungen sind bis zum 22. August 2017 unter angelika.praus@zirp.de möglich. Das Programm der Veranstaltung und weitere Informationen zum Projekt „Wirtschaft 4.0“ finden Sie auf der Website der ZIRP.

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