Landwirtschaft 4.0 – Digitalisierung birgt großes Potential

Eigentlich kein seltener Anblick: ein Traktor mit Düngerstreuer fährt durch ein Getreidefeld. Man muss schon etwas genauer hinschauen, um zu erkennen, dass hier absolute Hightech am Werk ist. Der Fahrer hat die Hände nicht am Lenkrad, seine Maschine sucht sich selbstständig und präzise die optimale Fahrspur per GPS.

Auf dem Dach des Traktors ist ein Sensor installiert. Er erfasst während der Fahrt die Versorgung des Pflanzenbestandes mit Stickstoff und errechnet dadurch die benötigte Düngermenge. Die Daten werden direkt an den Düngerstreuer weitergegeben, der sich vollautomatisch auf den jeweiligen Bedarf einstellt. Der Landwirt hat eine Nachricht auf sein Smartphone bekommen, dass eines seiner Gemüsefelder zu trocken ist. Absender ist das Gerät zur Messung der Bodenfeuchte vor Ort. Gleichzeitig bekommt er mitgeteilt, dass in nächster Zeit kein Niederschlag zu erwarten ist. Er startet die Beregnung mit einer kurzen SMS.

Der Kollege des Ackerbauern ist Milchviehhalter. Seine Tiere können sich im Stall frei bewegen und wann immer sie wollen zum Futterbereich gehen. Aber wenn sie zurück wollen zum Liegebereich, wird an einem Selektionstor automatisch entschieden, ob die Kuh zum Melken gehen sollte. Ist das der Fall, wird sie zum Melkroboter geleitet. Auch das Melken wird vollautomatisch durchgeführt. Dabei werden verschiedene Parameter erfasst. Jede Kuh hat einen Transponder, der die erfassten Daten an das Herdenmanagementprogramm sendet. Der Milchbauer ruft unterwegs den aktuellen Status seiner Kühe ab und kann bei Auffälligkeiten entsprechend handeln. Gerade lässt er eine Wiese vor dem Mähen per Drohne mit Wärmebildkamera nach Rehkitzen absuchen, um sie durch seine Arbeit nicht zu gefährden. Die Drohne kam auch schon bei seinen Maisflächen zum Einsatz. Dort hat sie Eier von Nützlingen abgeworfen, die nach dem Schlüpfen den Maiszünsler erfolgreich bekämpfen werden.

Schon heute im Portfolio

Die in den beiden Beispielen genannten Technologien sind keine Zukunftsvisionen, sondern State of the Art der modernen Landwirtschaft, die in dieser Form auch in Rheinland-Pfalz zu finden ist. Die Digitalisierung der Landwirtschaft ist eines der großen Zukunftsthemen der Branche, zusammengefasst unter dem Schlagwort „Landwirtschaft 4.0“. Die Vernetzung der landwirtschaftlichen Prozesskette dient dabei als Grundlage für eine effizientere Produktion von Lebensmitteln mit einem noch nachhaltigeren Ressourcenmanagement. In der Viehhaltung kann sie außerdem zur Steigerung des Tierwohls beitragen.

Schon in der Vergangenheit waren die Effizienzgewinne in der Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen besonders hoch. Die Erträge konnten wesentlich gesteigert werden, obwohl gleichzeitig der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln deutlich reduziert wurde. Doch auch in Zukunft muss die Produktivität in der Landwirtschaft weiter ausgebaut werden, denn die Weltbevölkerung wächst unaufhaltsam, aber die Ackerfläche für ihre Ernährung nimmt kontinuierlich ab. Die Innovationen der Landwirtschaft 4.0 tragen somit aktiv dazu bei, die globalen Herausforderungen der Zukunft erfolgreich zu meistern.

Das sogenannte Smart Farming oder Precision Farming ermöglicht bedarfsgerechte Düngung und zielgerichteten Pflanzenschutz auf räumlich kleineren Einheiten als bisher. Automatische Lenksysteme verhindern eine Überlappung bei der Bewirtschaftung und verringern dadurch ebenfalls den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln. Sie sorgen darüber hinaus für Einsparung von  Kraftstoff und vor allem Zeit. Standortgenaue Erfassung von Wetterdaten und Bodenparametern lassen präzisere Prognosemodelle im Hinblick auf den Befall durch Pflanzenkrankheiten und Schädlingen zu. In der Viehhaltung machen Managementprogramme, die auf eine Vielzahl von Daten zurückgreifen können, in Verbindung mit der entsprechenden Technik, eine individuellere Betreuung der Tiere möglich, unabhängig von der Bestandsgröße.

Die Digitalisierung trägt nicht nur zur Erhöhung der Produktivität bei, sondern unterstützt die Landwirte auch darin, den gestiegenen Anforderungen von Politik und Gesellschaft an landwirtschaftliche Produktion und Tierhaltung gerecht zu werden. Instrumente der Landwirtschaft 4.0  helfen Ziele des Umwelt- und des Naturschutzes, aber auch Kriterien des Tierwohls zu erreichen.

Größe ist entscheidend

Damit sich die genannten Technologien aber flächendeckend durchsetzen, muss ein monetärer Vorteil für die Betriebe gewährleistet sein. Diese Voraussetzung ist derzeit aber nur in wenigen Fällen erfüllt, sodass die Verbreitung entsprechender Anwendungen noch stark ausbaufähig ist. Ein großes Hindernis stellen nämlich die hohen Anschaffungskosten für Technologie im Bereich Landwirtschaft 4.0 dar. Dies gilt insbesondere für Betriebe mit geringer Flächenausstattung. Die durchschnittliche Betriebsgröße in der Landwirtschaft liegt in Rheinland-Pfalz durch die kleinteilige Struktur der Landschaft und der großen Bedeutung der Sonderkulturen, insbesondere des Weinbaus, deutlich unter dem Vergleichswert für Deutschland. Damit ist das Land gegenüber anderen Regionen, nicht nur im Bundesgebiet, benachteiligt. Gleiches gilt auch für die viehhaltenden Betriebe mit verhältnismäßig kleinen Tierbeständen.

Die Digitalisierung der Landwirtschaft könnte deshalb zum Katalysator des Strukturwandels in Rheinland-Pfalz werden. Maschinengemeinschaften kleinerer Betriebe könnten dies verhindern. Allerdings stößt dieser Lösungsansatz beispielsweise bei termingebundenen Arbeiten oder Technologien, die nicht überbetrieblich eingesetzt werden können, an seine Grenzen. Besser wären deshalb Förderprogramme, die eine breite Einführung von Anwendungen der Landwirtschaft 4.0 unterstützen und so zum Erkenntnisgewinn aus dem praktischen Einsatz beitragen, um die Weiterentwicklung in diesem Bereich zu forcieren und die Kosten der Hard- und Software weiter zu reduzieren.

Ein weiterer begrenzender Faktor ist die Verfügbarkeit einer leistungsstarken Breitbandverbindung, die in manchen Bereichen in Rheinland-Pfalz noch nicht gewährleistet ist. Auch ungeklärt ist der Umgang mit den erfassten, teilweise sehr sensiblen Daten. Deren Verwendung ist eindeutig zu regeln und darf keinen Nachteil für die Betriebe zur Folge haben. Um dies zu gewährleisten, muss die Datenhoheit beim Landwirt verbleiben.

Landwirtschaft 4.0 birgt schon heute ein großes Potential für die Weiterentwicklung der Branche. Zukünftig werden darüber hinaus Anwendungen möglich sein, die heute noch nicht absehbar sind. Damit möglichst viele Betriebe von den Innovationen und Entwicklungen profitieren können, müssen von der Politik aber entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden. Nur so kann die Digitalisierung der Landwirtschaft für alle Betriebe im Land ein Erfolg werden und zu ihrer Zukunftsfähigkeit beitragen.

 

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Zweck des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd e.V. ist die Wahrung und Förderung der agrarpolitischen, sozialpolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen des landwirtschaftlichen Berufsstandes und seiner Angehörigen festgeschrieben. Der Verband versteht sich dabei als die berufsständische Vertretung der in der Land- und Forstwirtschaft und im Weinbau tätigen Menschen und ist bestrebt, die Interessen des gesamten ländlichen Raumes zu wahren.
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