Jung und Alt zusammenbringen: „Digitalisierungsteams“ in rheinland-pfälzischen Betrieben

Ein Beitrag von Dr. rer. pol. Klaus Fischer, stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Technologie und Arbeit (ITA) e. V. in Kaiserslautern.

In Unternehmen kommt digitalen Technologien ein besonderer Stellenwert zu. Getrieben durch Entwicklungen wie „Industrie 4.0“, „Internet of Things“, „E-Collaboration“ und „Crowd-Work“ entstehen neue Märkte und in vielen Bereichen auch geänderte Rahmenbedingungen für zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Digitalisierung ist also mit dem Unternehmensziel verbunden, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Oder, umgekehrt gesprochen, wettbewerbsfähig zu bleiben und nicht, wie einige oft zitierte prominente Beispiele der Foto- oder Druckbranche, den Digitalisierungstrend existenzbedrohend zu „verschlafen“.

Hiervon ist auch und gerade der Mittelstand als Herzstück der deutschen Wirtschaft angesprochen. Dementsprechend richten sich zahlreiche Initiativen, wie die bundesweit eingerichteten Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren, direkt an kleine und mittelständische Unternehmen. In vielen Studien wird zudem das Digitalisierungsverhalten des deutschen Mittelstands beleuchtet. Sie diagnostizieren den Unternehmen zwar meist durchaus Bewusstsein hinsichtlich der (Erfolgs-)Relevanz der Digitalisierung, aber eben auch eine gewisse Zurückhaltung, wie sie bei neuen Entwicklungen und den mit ihnen verbundenen Unwägbarkeiten typisch sind.

Dabei ermöglicht Digitalisierung den Betrieben eigentlich doch den ganz großen Wurf: Disruptiv-neue Geschäftsmodelle, die Erschließung bisher nicht gekannter Online-Märkte und die Vision einer durchgängig smarten Supply Chain, in der vom digitalen Konfigurator erfasste Kundenwünsche in Echtzeit übersetzt und an alle global verteilten Lieferbetriebe weitergegeben werden, gefolgt von intelligenter Produktion und Logistik in cyber-physischen Systemen. Kurzum: Globale Wettbewerbsfähigkeit durch ein digital gestütztes „Schneller-höher-weiter“ bei einzigartigem Kundennutzen in immer kürzer werdenden Innovationszyklen und mit hoch effizienten und flexiblen Produktionsprozessen. Kein Wunder, dass es einem da auch schwindelig werden kann und sich nicht für jedes Unternehmen direkt erschließt, worin die Anwendungsbereiche für den eigenen Betrieb konkret liegen können.

Um von den Vorteilen digitaler Lösungen zu profitieren muss es aber eben erst mal nicht der ganz große Wurf sein. Und digitale Technologien in kleinen und mittelständigen Unternehmen sind auch nichts neues, sondern spätestens mit der Anschaffung eines Verwaltungs-PCs und dem Auftritt im Online-Branchenportal oft längst geschehen. Auch und gerade im Einsatz niederschwelliger Lösungen liegen viele Möglichkeiten, Arbeitsabläufe zu verbessern und dadurch den eigenen Mitarbeitern und Kunden einen Mehrwert zu bieten: Bisher händisch geführte Stunden- und Urlaubslisten kosten viel Zeit und müssen am Schluss doch noch einmal abgetippt werden. Bestellungen per Fax und Telefon können durch Online-Bestellformulare abgelöst und damit schneller bearbeitet werden. Kunden, die bisher auf einen Handwerkertermin für das Aufmaß warten, können mit ihrem Smartphone den Raum per Knopfdruck selbst vermessen und an den Betrieb schicken. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen…

Oft sind es dann weniger technische Voraussetzungen, sondern eher die Frage, wie bestehende Lösungen sinnvoll in betriebliche Abläufe integriert werden können. Die Mitarbeiter, die diese Prozesse bearbeiten, bei der Digitalisierung „mitzunehmen“ gehört hierbei zu den zentralen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Umsetzung. Schließlich kennen sie die Prozesse am besten und verfügen über wertvolles implizites Wissen, das es bei der Umsetzung der digitalen Lösung zu integrieren gilt. Und natürlich schwingt die Frage mit, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die bisherigen Arbeitsinhalte und Arbeitsformen haben wird: Muss nun alles noch schneller gehen, weil es keine „Pufferzeiten“ mehr gibt, wenn Daten ohne Medienbrüche elektronisch erfasst und verarbeitet werden? Wer wertet all die zusätzlichen Informationen aus, die in der Datenflut stecken und bisher gar nicht zur Verfügung standen? Verschieben sich Arbeitszeiten, weil die Ferndiagnose keinen Feierabend kennt? Und natürlich die zentrale Frage, ob die digitalen Effizienzsteigerungen nicht irgendwann sogar den eigenen Arbeitsplatz gefährden könnten. Diese Fragen sind letztlich unternehmenspolitisch und im Diskurs mit den Sozialpartnern zu beantworten – wie bei allen (neuen) Technologien ist entscheidend, wie und für was man sie einsetzt!

Nicht nur wegen der oben genannten Punkte kann die Digitalisierung am eigenen Arbeitsplatz zu Unsicherheiten führen. Und das gerade bei Mitarbeitern, die nicht als „Digital Natives“ in einer digitalisierten Welt aufgewachsen sind und den Umgang mit den neuen Technologien erst im Erwachsenenalter lernen müssen. Wie bei allen Veränderungs- und Lernprozessen kann es hier nicht als selbstverständlich gelten, dass die erforderlichen Kompetenzen und die Aufgeschlossenheit für digitale Neuerungen am Arbeitsplatz schon bei jedem vorhanden sind. Neben Qualifikation und Aufklärung sind hier Formate erforderlich, die dazu beitragen, Vorbehalte gegenüber dem Neuen abzubauen und mögliche Bedenken ernst zu nehmen.

Auch wenn die Generation der Digital Natives (Geburtsjahrgänge ab 1980) den Nachwuchs in den Unternehmen bildet, nimmt durch den demografischen Wandel die Altersspanne in den Betrieben weiter zu. Schon jetzt arbeiten in rheinland-pfälzischen Unternehmen bis zu vier Generationen zusammen, darunter „Digital Natives“, „Digital Immigrants“ und „Silver Surfers“ gleichermaßen. Dieser Befund lieferte den Anstoß für eine Projektidee am Institut für Technologie und Arbeit (ITA) e.V. aus Kaiserslautern: Warum nicht junge und ältere Mitarbeiter in Teams zusammenbringen und gemeinsam an Digitalisierungsthemen für das eigene Unternehmen arbeiten lassen? Hintergrund ist der Ansatz der altersgemischten Teams, die darauf setzen, dass sich die besonderen Fähigkeiten und Kompetenzen von Alt und Jung ergänzen und für beide Seiten einen Mehrwert in der Zusammenarbeit bieten.

Gefördert vom Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz und dem Europäischen Sozialfonds werden nun erstmal in diesem Jahr mittelständische Unternehmen des Landes bei der Einrichtung „Altersgemischter Digitalisierungsteams“ in ihren Betrieben durch das ITA unterstützt. Während im ersten Halbjahr die Informationsarbeit und eine betriebliche Reifegrad-Analyse im Vordergrund standen, startet in der zweitenJahreshälfte die Arbeit der „Digitalisierungsteams“. 

Dabei lieferten die Vorgespräche mit den Unternehmen und eine seit Mai laufende Online-Befragung schon spannende Einblicke jenseits gängiger Stereotypen: Es sind nicht immer nur die technisch affinen „Jungen“, die mit neuen Ideen ins Berufsleben starten und von Digitalisierungsmöglichkeiten am eigenen Arbeitsplatz schwärmen. Begeisterte und eher Zurückhaltende gibt es auf beiden Seiten – nun sind wir gespannt, wie sich die Arbeit der Digitalisierungsteams in den Betrieben entwickelt. In jedem Fall erwarten wir interessante Ergebnisse und einen Mehrwert für alle teilnehmenden Betriebe, die in ihren Teams Innovationsbereitschaft und Offenheit für digitale Lösungen mit dem Erfahrungswissen aus der „analogen Welt“ zusammenbringen.

Alle Interessierten am Projekt „Altersgemischte Digitalisierungsteams“ finden weitere Informationen auf der Homepage www.digitalisierungsteams.de. Dort informiert das ITA auch über begleitende Veranstaltungen zum Austausch und Ergebnistransfer im Projekt, die auch für nicht teilnehmende Unternehmen offenstehen.

Zum Autor:

 


Dr. rer. pol. Klaus Fischer


ist stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Technologie und Arbeit (ITA) e. V. an der TU Kaiserslautern. Er forscht in verschiedenen Themenfeldern zur Nachhaltigkeit in Unternehmen und an kommunalen Wirtschaftsstandorten.


 

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