Irrungen und Wirrungen auf dem Weg ins Digitale Land – Teil I

Ein Beitrag von Dr. habil. Mario Trapp, Hauptabteilungsleiter Embedded Systems am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hätte ich an dieser Stelle langatmig die Bedeutung ländlicher Regionen motivieren müssen, um wenigstens ein paar Lichtstrahlen der auf die Smart Cities gerichteten Spots der Aufmerksamkeit auf die ländlichen Regionen umzulenken. Mittlerweile ist dies glücklicherweise nicht mehr nötig. Die Bedeutung digitaler Dienste für ländliche Regionen hat sich mittlerweile fast zu einem Trendthema entwickelt.

Und spätestens seitdem die entsprechenden Förderprogramme aufgesetzt wurden, haben auch Forschung, Industrie und Verbände dieses Thema für sich entdeckt. Und während vor wenigen Jahren digitale Lösungen für das Land von morgen Mangelware waren, wird es mittlerweile unübersichtlich im Dschungel der vielen Aktivitäten. 

Der Weg in ein digitales Land führt daher an einigen Irrungen und Wirrungen vorbei. Und auch wenn dieser Beitrag viel zu kurz ist, um in Anspruch nehmen zu können dieses Thema umfassend zu beleuchten, möchte ich doch zumindest etwas Licht ins Dunkel bringen und Ihnen ein wenig Orientierung auf Ihrem Weg der Digitalisierung geben.

Ein Digitales Land, in dem Milch und Honig fließt …

… und das Amtsblatt endlich digital verfügbar ist. Ganz so einfach ist es leider nicht. Weder wird die Digitalisierung von ganz alleine alle Probleme ländlicher Regionen in Luft auslösen. Und schon gar nicht wird es helfen, einfach dieselben alten Konzepte inklusive all ihrer Schwächen zu digitalisieren. Vielmehr wird es nötig sein, die Kommune, die Region und das Leben auf dem Land digital neu zu denken.

Dies führt uns direkt zur ersten Regel des digitalen Landes: Der Mensch und seine Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt. Ein digitales Land ist ein Land, in dem Menschen leben. Sie wohnen dort, sie arbeiten und gehen zur Schule. Sie genießen gutes Essen und Trinken und wollen auch sonst kaufen können, was sie für ihre individuelle Vorstellung eines guten Lebens brauchen. Sie wollen Spaß haben, Kultur genießen und sich erholen. Und das möglichst gesund und eigenständig bis ins hohe Alter. Wenn Sie sich überlegen, wie Sie diese Bedürfnisse erfüllen können, kommen Sie schnell an die Stelle, an der Sie feststellen, dass es enorm schwierig und teuer ist, verhältnismäßig wenige Menschen zu versorgen, die verteilt auf einer großen zu versorgenden Fläche leben. Das ist gleichzeitig der Punkt, an dem die Digitalisierung ins Spiel kommt und neue Optionen eröffnet. Nicht, indem man die bestehenden Ansätze einfach digitalisiert, sondern indem man vor dem Hintergrund der digitalen Möglichkeiten Lösungen neu denkt. Digitalisierung alleine wird aber niemals die Lösung sein. Am Ende leben wir alle in der realen Welt. Und letztlich zählt nur das, was wir real erleben können. Der Keim jeder Lösung liegt daher in der analogen Welt.

So einfach wie ein digitaler Fingerzeig

Aber die Digitalisierung ist häufig der entscheidende Katalysator. Und so lautet die zweite Regel auf dem Weg in das digitale Land: Digitalisierung steigert Effizienz. Was sich zunächst so nüchtern anhört, ist letztlich die Essenz dessen, was das Leben im ländlichen Raum massiv beeinflussen wird. Digitalisierung steigert Effizienz, indem sie automatisiert. Betrachtet man sich autonome Fahrzeuge, Lieferdrohnen oder Lieferroboter, so bildet Digitalisierung die Grundlage neuer Technologien, die zentrale Bedürfnisse wie in diesen Beispielen die Mobilität und Logistik wesentlich effizienter machen. So rechnen Experten damit, dass sich ein sehr flexibler, bedarfsorientierter und fast schon individueller öffentlicher Nahverkehr auf Basis autonomer Fahrzeuge zu denselben Kosten umsetzen lässt, wie der heutige ÖPNV in ländlichen Regionen auf Basis von großen Bussen. Die Automatisierung erfolgt aber auch in den täglichen Abläufen – genauso wie sie seit vielen Jahren die Effizienz von Geschäftsprozessen in Unternehmen steigert. Wenn alle Schritte von der Auftragsvermittlung über die Auftragsvergabe bis zur Rechnungstellung automatisiert ablaufen, lohnt es sich bspw. für einen regionalen Lieferdienst selbst kleine Lieferungen zu übernehmen. Das heißt, immer kleinteiligere Aufgaben werden effizient, weil die Automatisierung die fixen Overheadkosten senkt. Das Ziel sind letztlich individuelle Lösungen zu Kosten einer Massenverarbeitung. Schließlich öffnet dies den Zugang zur Crowd, also zur Menge aller Menschen in einer Region, die bspw. Pakete für andere Menschen mitnehmen oder anderen Menschen eine Mitfahrgelegenheit bieten. Oder die im Sinne eines Mehrgenerationendorfes älteren Menschen im Alltag helfen. Denn während heute wegen der komplexen und aufwendigen Verwaltungsabläufe die Pflege und Betreuung über starre und teure Betreuungsverträge laufen müssen, kann in Zukunft die Crowd, also Nachbarn, Freunde, Bekannte oder hilfsbereite Mitmenschen, als Gemeinschaft und in Kombination mit professionellen Pflegediensten eine sehr persönliche, flexible und effiziente Pflege und Betreuung übernehmen – und wenn es nur fünf Minuten für ein Gespräch oder eine kleine Hilfe im Haushalt sind. Dies führt uns direkt zum zweiten Aspekt der Effizienz: Digitalisierung steigert Effizienz durch Vernetzung. Es ist eine Tradition, gerade in ländlichen Regionen, dass man sich gegenseitig hilft. Anstatt aber seine zehn oder zwanzig Freunde und Bekannte nacheinander anrufen zu müssen, erreicht man mit Digitalisierung innerhalb von Sekundenbruchteilen mit nur einem digitalen Fingerzeig oder Zuruf einhundert oder eintausend Menschen. Die Automatisierung übernimmt den Rest, sodass weder Hilfesuchende noch Helfende unnötigen Aufwand auf sich nehmen müssen. Von der Koordination, wer nun wirklich hilft über ggf. notwendige Versicherungen bis zu Aufwandsentschädigungen können alle notwendigen Schritte von der Digitalisierung übernommen werden. Damit schlägt die Digitalisierung die Brücke von der ländlichen Tradition in das einundzwanzigste Jahrhundert.

Eine Reise für Mutige

Doch so vielfältig die Möglichkeiten auch sind, man wird sie nicht erreichen, wenn man nicht beginnt loszulaufen. Dabei wird es auch keine Garantien geben. Und auch keine detaillierte Wegbeschreibung. Die Digitalisierung ist im ständigen Fluss. Was heute gilt, ist morgen vielleicht bereits überholt. Die Zeit, dass Ihnen jemand seriös den genauen Weg zeigt und die erfolgreiche Ankunft garantiert, wird nicht kommen. Und jedes Warten erhöht das Risiko, auf einmal alleine in der alten Welt zurückzubleiben. Deshalb gilt die dritte Regel des Digitalen Landes: Suchen Sie sich eine Koalition der Mutigen. Suchen Sie sich Mitstreiter, die bereit sind, mit Ihnen diesen Weg zu gehen. Sie können gerne Menschen und Unternehmen in Ihrem Umfeld begeistern, aufklären und überzeugen. Versuchen Sie aber nicht zu missionieren und versuchen Sie auch nicht verzweifelt alle mit an Bord zu nehmen. Gehen Sie los. Mit denen, die mutig genug sind, Ihnen zu folgen. Der Weg wird nicht leicht und Sie brauchen mutige Gefährten an Ihrer Seite. Aber während Sie einfach nur abwarten, wird der Weg ins digitale Land von Tag zu Tag länger und beschwerlicher, weil sich die Digitalisierung ständig und schnell weiterbewegt.

Weiter mit Teil II

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