Innovationsmanagement in der digitalen Welt

Ein Beitrag von Prof. Dr. habil. Rainer Völker, Leiter des Kompetenzzentrums für Innovation und nachhaltiges Management der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und Andreas Friesenhahn, M.A., Projektleiter und Doktorand.

Methoden des Innovationsmanagements haben sich in den letzten Jahren in Unternehmen etabliert. Während die Suche nach Innovationen in der Vergangenheit eher unstrukturiert und somit vom Zufall abhängig war, existiert zwischenzeitlich ein genaues Verständnis von Innovationsstrategie und Innovationsprozessen (z.B. Stage-Gate-Prozess). Durch die jüngsten Entwicklungen rund um die Industrie 4.0 sind nun die Unternehmen erneut zum Handeln aufgefordert.

Treiber für Veränderungen im Innovationsmanagement

Durch disruptive Veränderungen, Digitalisierung und immer dynamischere Märkte sind Betriebe auch im Bereich Innovation vor neue Herausforderungen gestellt: Unternehmen, die in Zukunft innovativ sein möchten, müssen diesen Herausforderungen konstruktiv begegnen. In unseren Benchmarkings in Konzernen und mittelständischen Unternehmen stellen wir zunehmend fest, dass erste Antworten im Innovationsmanagement gefunden werden:

  • Die fortschreitende Digitalisierung spielt eine immer wichtigere Rolle für Innovationen und das Innovationsmanagement. Kaum ein Produkt oder eine Dienstleistung, geschweige denn ein zu ihnen führendes Projekt, sind ohne die IT als Enabler denkbar.
  • Es wird immer stärker in Geschäftsmodellen anstatt in Produkten und Dienstleistungen gedacht.
  • Die Bedeutung der Unternehmensumwelt und der darin enthaltenen Partner gewinnen als „Innovations-Ökosystem“ weiter an Bedeutung. Im Rahmen von Open Innovation-Ansätzen gilt es immer mehr, Innovationsideen von außen aufzunehmen oder durch externe Partner realisieren zu lassen.
  • Agile Methoden, die ursprünglich aus der Softwareentwicklung stammen, finden zunehmend Einzug in die klassische Produktentwicklung.
  • Eine Unternehmenskultur, in der Innovation gefördert und gelebt wird, bildet immer stärker den zentralen Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiches Innovationsmanagement.

Neue Methoden und Instrumente

Im Rahmen unserer Studien konnten wir verschiedene Successful Practices und Tools identifizieren, die Unternehmen nutzen um diesen aktuellen Herausforderungen im Innovationsmanagement zu begegnen. Die folgende Abbildung bietet dazu eine Übersicht:

Herausforderung Successful Practices / Tools
Fortschreitende Digitalisierung ·      Digital Canvas

·      Kollaborationssoftware als Selbstverständlichkeit

Denken in Geschäftsmodellen ·      12 Kategorien digitaler Geschäftsmodelle

·      Business Model Canvas / Digital Canvas

·      ERRC zur Generierung neuer Geschäftsmodelle

Steigende Bedeutung des „Innovations-Ökosystems“ ·      Stärkere Orientierung an Start-Ups

·      Beteiligungsmanagement

·      Open Innovation

Nutzung agiler Methoden ·      Use Cases und User Stories

·      „Hardware-Scrum“

·      Design Thinking

·      3D-Druck

Innovationskultur als zentraler Dreh- und Angelpunkt ·      Innovation Center

·      Immer bewusstere Steuerung der Unternehmenskultur

Tabelle 1: Aktuelle Herausforderungen und Successful Practices im Innovationsmanagement

Also erfährt das Innovationsmanagement durch die genannten Herausforderungen Veränderungen, die auf Basis der bisherigen Sichtweise nicht systematisch erfasst und verstanden werden können. Während in der Vergangenheit in Produkten und Dienstleistungen gedacht wurde, stehen nun Geschäftsmodelle im Mittelpunkt. Auch für Innovationsprozesse gilt, dass diese weniger starren Vorgehensweisen im Sinne eines klassischen Stage-Gate-Prozesses folgen, sondern Flexibilität durch agile Methoden ermöglichen müssen. Die Zusammenarbeit mit der Unternehmensumwelt (z.B. Kunden, Lieferanten, Start-Ups) im Sinne einer Open Innovation reicht nicht mehr aus, weil die Organisation mit ihrer Umwelt ein „Innovations-Ökosystem“ bildet, dessen gesamte Performanz über den Erfolg der Innovationsbemühungen entscheidet. Abschließend wird die Innovationskultur vom unterstützenden zum zentralen und entscheidenden Baustein, um erfolgreiches Innovationsmanagement zu ermöglichen.

House of Innovation als neuer Bezugsrahmen im Innovationsmanagement 4.0

Deswegen muss sich die Sichtweise den neuen Gegebenheiten anpassen, um Innovationsmanagement besser zugänglich, besser verständlich und besser steuerbar zu machen. So kann sie den neuen Herausforderungen und Lösungsansätzen gerecht werden. Der nachfolgende Bezugsrahmen veranschaulicht die Berücksichtigung dieser Implikationen:

Abbildung 1: House of Innovation (Quelle: Eigene Darstellung)

Das House of Innovation basiert auf einer offenen, kreativitätsfördernden und fehlertoleranten Innovationskultur, die Dreh- und Angelpunkte der Innovationsbemühungen ist und mit Prozessen sowie Organisation den Rahmen für Innovationsmanagement 4.0 im Sinne einer weiteren Entwicklungsstufe bietet. Der Kernbereich, in dem Innovation entsteht und vorangetrieben wird, besteht aus den Bausteinen Vision & Mission, Strategie, Portfolio und Projekt.  Zusätzlich bildet das House of Innovation aber nicht nur die Innensicht eines Betriebs ab, sondern schließt auch die Akteure in der Unternehmensumwelt mit ein, die oft einen elementaren Einfluss auf die Generierung von Ideen und die Umsetzung von innovativen Ansätzen haben. Dazu zählen neben klassischen Partnern in Forschung und Entwicklung wie Kunden, Lieferanten und Hochschulen auch Partner, die stark an Bedeutung gewinnen. Das sind vorrangig Start-Ups, mit denen verstärkt zusammengearbeitet wird, Unternehmen, an denen Beteiligungen erworben und gemanagt werden sowie Wettbewerber, mit denen eine (partielle) Zusammenarbeit stattfindet.

In Summe bietet dieser Bezugsrahmen damit eine neue Basis für das Verständnis von Innovationsmanagement, bei dem Geschäftsmodelle für Produkte und Dienstleistungen im Fokus stehen. Es wird deutlich, dass es nicht nur ausgereifter unternehmensinterner Bausteine bedarf um langfristig innovativ zu sein, sondern vor allem die systematische Integration der Unternehmensumwelt an Bedeutung gewinnt. Aus diesem Zusammenspiel zwischen betriebsinternen Abläufen und der Unternehmensumwelt ergibt sich das Innovations-Ökosystem eines Betriebs – das House of Innovation.

Zu den Autoren

Prof. Dr. habil. Rainer Völker

ist Leiter des Kompetenzzentrums für Innovation und nachhaltiges Management der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und Dozent an der Universität St. Gallen. Er war in verschiedenen Führungsfunktionen in die Industrie tätig und fungiert außerdem als Berater sowie Mitglied in Aufsichts- und Beiräten verschiedener Unternehmen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Innovationsmanagement und wertorientiertes Management.

 

Andreas Friesenhahn, M.A.

arbeitet als Projektleiter und Doktorand am Kompetenzzentrum für Innovation und nachhaltiges Management der Hochschule Ludwigshafen am Rhein und ist Project Management Professional. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Innovations- und Nachhaltigkeitsmanagement. Er ist beratend in Unternehmen und als Dozent an verschiedenen Hochschulen und bei Seminaranbietern tätig.

 

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