Digitalisierung im Mittelstand: Eine Fachkräftefrage

Digitalisierung ist für jedes Unternehmen machbar und wo sie sinnvoll ist, sich rechnet, kommt sie ohnehin – davon sind Thorsten Winternheimer, Geschäftsführer der Druckerei Wolf aus Ingelheim, und Christian Weyer, Managing Director bei Crispy Mountain, überzeugt. Nach diesem Grundsatz haben sie ihre Zusammenarbeit gestaltet und mit ihrer Software keyline die Digitalisierung des Druckereigewerbes ein ganzen Stück voran gebracht (Mehr dazu hier). Bei einem anderen Thema der Digitalisierung sehen sie hingegen Handlungsbedarf: bei der Sicherung von Fachkräften. Wir haben mit beiden darüber gesprochen.

Eine Frage des Wissens

Unternehmen, die den digitalen Wandel im eigenen Haus erfolgreich gestalten wollen, benötigen hierzu das nötige Wissen. Dieses Wissen und die Fähigkeit, Prozesse zu hinterfragen, ist Basis jeder Digitalisierungsstrategie. „Unternehmen brauchen zur erfolgreichen Umsetzung von Digitalisierung internes Knowhow, Prozess- und IT-Denke vor Ort“, so Thorsten Winternheimer. Das ist in seinen Augen erfolgsentscheidend. Viele Betriebe, gerade kleinere, hätten Berührungsängste, wenn es darum gehe, sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung für das eigene Geschäftsmodell und deren Folgen auseinanderzusetzen. Der Grund, das steht für Winternheimer fest, sei fehlendes Wissen. „Wenn ein Unternehmen Angst vor einer Entwicklung hat, dann weil Unkenntnis einen Trend und seine Folgen herrscht. Man kann sich einfach nicht hineindenken. Das ist der Punkt, an dem Wissen ins Unternehmen geholt werden muss.“

Woher nehmen?

Womit wir auch schon bei der Kernfrage sind: Woher das nötige Wissen nehmen? Interessanterweise, so sind sich Winternheimer und Weyer einig, sei es gar nicht so wichtig, wie das Know-how ins Haus geholt werde. Entscheidend sei zunächst, dass die Unternehmensleitung das Thema erkenne und priorisiere. Christian Weyer hat hierzu eine deutliche Meinung: „Digitalisierung muss auf Ebene der Geschäftsführung thematisiert werden. Ich habe immer schon ein mulmiges Gefühl, wenn ich nicht mit der Geschäftsführung spreche und es um Digitalisierung geht.“ Ob die Geschäftsführung selbst über entsprechendes Know-how verfüge, erfahren wir von Thorsten Winternheimer, sei zweitrangig.

Er sieht dann mehrere Optionen. Der günstigste Fall: Das Unternehmen verfüge bereits über entsprechendes Personal – Mitarbeiter, die sich des Themas annehmen und es aus Eigeninitiative voranbringen. „Diesen Mitarbeitern muss der Chef dann allerdings vertrauen und sie in ihren Vorhaben bestärken“, fügt er an. Ein zweiter Weg sei es, strategische Partnerschaften einzugehen, wie zwischen Wolf und Crispy Mountain geschehen (lesen Sie hier!).  Im Idealfall profitieren beide Partner enorm – auch über das konkrete Projekt hinaus. Das bestätigt auch der Startup-Geschäftsführer Weyer: „Vom klassischen deutschen Mittelstand kann man sehr viel lernen. KMUs machen sehr viel richtig.“ Gerade in der Zusammenarbeit zwischen Startup und Mittelstand sieht er großes Potenzial für Unternehmen wie das seine. „Derzeit gibt es wenig Softwareentwickler und -anwender im produzierenden Gewerbe und Mittelstand, obwohl dies große Potenziale birgt.“ Bei der großen Zahl an KMUs in Deutschland, so Weyer weiter, sei das Aufgabenfeld extrem spannend und ein zukunftsträchtiger Markt für Softwareunternehmen und Startups.

Ausbildung: Update nötig

Der dritte und in vielen Fällen wohl wahrscheinlichste Weg ist die Suche von Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt. Hier setzen die Probleme ein. Das Angebot an Fachkräften mit IT-Kompetenz sei grundsätzlich rar; entsprechend gestalte sich der Preis. „Das ist letztlich eine Frage des Geldes“, so Winternheimer, „jedes Unternehmen muss selbst entscheiden, wie weit es da gehen kann und will.“ Das knappe Angebot macht dabei nicht nur dem digitalisierungswilligen Mittelstand zu schaffen. Auch der Software-Unternehmer Weyer klagt, das größte Problem bei der Digitalisierung sei der Fachkräftemangel. „Vernünftige Softwareentwickler und -anwender sind rar“, sagt er und kommt direkt zum Kern der Sache. Er attestiert Studien- und Ausbildungsgängen, nicht oder nur zu langsam mit der Zeit zu gehen und somit an den Bedarfen der Unternehmen vorbei auszubilden. Es fehlten Menschen, die IT-Kompetenz und einen Sinn für Prozesse vereinten. „Weder das eine noch das andere allein ist das, was wir suchen“, fügt er hinzu, „wichtig ist, dass die Mitarbeiter mit dem Kunden gemeinsam Prozesse analysieren, erst dann kommt die Software als Hilfsmittel hinzu.“ So scheint es denn auch folgerichtig, dass bei Crispy Mountain laut Aussage von Christian Weyer, niemand Informatik studiert haben muss. Wichtig sei, was die- oder derjenige könne.

Deutliche Leerstellen

Beim Thema Ausbildung wird Thorsten Winternheimer noch ein Stück deutlicher. Die Lerninhalte der dualen Ausbildung, etwa für Mediengestalter, hält er für veraltet. „Da ist man teilweise zehn Jahre zurück, es fehlt ein elementarer IT-Part. Schulen sollten die Angst vor IT nehmen und sie im Lehrplan verankern.“ So ist es denn auch nur konsequent, wie Winternheimer in seinem Unternehmen damit umgeht. Wolf-Ingelheim stellt natürlich Mediengestalter ein, sie werden im Betrieb gebraucht. Eine Bedingung stellt er jedoch vor der Einstellung: Die Bewerber müssen bereit sein, eine Programmiersprache zu lernen – das geschieht dann im Unternehmen. Ohne IT-Kenntnisse, so wird deutlich, werden viele Berufsbilder in Zukunft nicht mehr auskommen.

Innovative Ansätze gefordert

Im Gespräch mit den beiden Unternehmern merkt man: Was das Thema Fachkräfte angeht, ist einiges in Bewegung. Während man bei Crispy-Mountain, der Software-Schmiede, nicht Informatiker sein muss, bildet die Druckerei Wolf keine Drucker mehr aus – das sei kein Zukunftsberuf, bestätigt Winternheimer. Allerdings findet sich Mitarbeiter im Unternehmen, den man zunächst nicht in diesem hochmodernen Umfeld erwartet hätte. Seit kurzem bildet Winternheimer einen Buchbinder aus. Die hochwertige Handarbeit werde von den Kunden wieder zunehmend geschätzt. Er sieht darin einen Trend. Die Renaissance händischer Wertarbeit im Digitalen Zeitalter?

 

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