Digitalisierung im Handwerk

Ein Beitrag von Lukas Wieberg, Prozessmanagement-Experte für das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk an der Handwerkskammer Koblenz.

Über 80 % der Handwerksunternehmen stehen der Digitalisierung aufgeschlossen gegenüber (1). Offen bleibt dabei jedoch die jeweilige Auffassung. Daher ging es für das Handwerk in jüngster Vergangenheit darum, ein branchenspezifisches Verständnis der digitalen Transformation zu entwickeln, die Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien zu erschließen, Management-Ansätze aus anderen Branchen anzupassen und Methoden zur Geschäftsmodell-Entwicklung zu erlernen.

Relativ schnell entwickelte sich das Bewusstsein, dass von einem digitalen Handwerksunternehmen weit mehr als der Betrieb einer eigenen Website verlangt werden muss. Jedoch hat sich auch gezeigt, dass Digitalisierung kein Selbstzweck ist, sondern zumeist höchst individuelle Strategien entworfen werden müssen um wirkliche Mehrwerte zu generieren.

Was kann konkret unter der Digitalisierung des Handwerks verstanden werden?

Neben der üblichen Branchenevolution, welche hauptsächlich aus der Einführung neuer Fertigungsverfahren und dem zunehmenden Einsatz von digitalen Technologien besteht, umfasst die Digitalisierung des Handwerks insbesondere die Adaption von Prozessmanagement-Ansätzen mit dem Ziel einer optimierenden Prozessdigitalisierung sowie die Entwicklung kundenorientierter digitaler Geschäftsmodelle. Solche Geschäftsmodelle sollen in erster Linie einen digitalen Kommunikationsweg vom Unternehmen zum Kunden und wieder zurück ermöglichen. Im Fokus steht die Schaffung einer digitalen Kundenschnittstelle, z.B. in Form eines Konfigurators, einer Plattform oder eines Portals, über die der Kundenbedarf artikuliert wird und der Kunde als Prosument in die individuelle Gestaltung und Fertigung seines Produktes eingreifen kann. Ein weiteres Feld der Digitalisierung besteht aus der Automatisierung und Vernetzung von Produktions- und Serviceprozessen.

Gewerkübergreifend verfügt die Branche über einen sichtbaren Anteil von ca. 10% an Unternehmen, die getrost zur Gattung der digitalen Vordenker gezählt werden können. Diese Handwerksunternehmen haben es geschafft das Potenzial der Digitalisierung ihren Bedürfnissen entsprechend zu erfassen und Strategien entwickelt, die eine Freisetzung dieses Potenzials ermöglicht haben. So stellt das handwerksnahe Start-up „holzgespür.de“ seinen Kunden auf der eigens entwickelten Online-Plattform einen 3DKonfigurator zur Verfügung, durch den eine Auswahl an Tischmodellen individuell modelliert werden kann. Der Produktionsprozess in der angegliederten Familientischlerei wird digital begleitet und der Kunde erhält per Videobotschaft u.a. die Möglichkeit den Baumstamm seines zukünftigen Möbelstückes auszuwählen. Das ebenfalls neu gegründete Unternehmen „KOLORAT.de“ hat sich durch seine Online-Farbberatung und den daraus resultierenden Versand von Farben eine dem Malerhandwerk bisher völlig fremde Zielgruppe erschlossen, indem es Menschen anspricht, die sich die Beauftragung eines Malerunternehmens oder eines Innenarchitekten nicht leisten können oder wollen, aber dennoch nicht gewillt sind auf deren Expertise zu verzichten. Die in Mayen ansässige Firma Lungmetall hat es geschafft durch eine umfassende Prozessdigitalisierung sowie die Einbindung von Sensoren an den Maschinen, ihre Produktionsprozesse im Sinne des „Internet of Things (IoT)“ in Echtzeit abzubilden. Dieses ausgeklügelte Prozessmanagement ermöglicht eine schnelle Kundeninformation und steigert die Produktionsflexibilität enorm.

Mit Blick auf den Innovationswillen, besteht die breite Mitte des Handwerksaus Unternehmen die als „digitaltransformierend“ kategorisiert werden können. Diese Unternehmen haben die exponentielle Dynamik der Digitalisierung erkannt und bereits erste Projekte angestoßen und auch abgeschlossen. In jedem Fall sind diese Unternehmen stark daran interessiert sich für sie relevante Handlungsfelder der Digitalisierung zu erschließen. Möchten die Inhaber dieser Handwerksunternehmen der Digitalisierung Einzug gewähren, müssen sie verstärkt als Digital Leader fungieren. Das bedeutet, dass sie ihre Mitarbeiter vom Mehrwert eines bestimmten Digitalisierungsvorhabens überzeugen können müssen und klar kommunizieren, dass trotz sich verändernder Management-Methoden und Produktionsmittel, der zwischenmenschliche Faktor weiterhin das Grundgerüst des Unternehmenserfolges ist. Darüberhinaus muss ein Verständnis dafür geschaffen werden, dass Prozessdigitalisierung kein Allheilmittel darstellt, sondern in erster Linie zur Prozessoptimierung verpflichtet. Einen ohnehin fehlerhaften Prozess digital nach zu modellieren ist in der Regel nicht zielführend. Ein bewährter Ansatz ist es gemäß dem Prinzip einer „digitalen Akupunktur“ zu verfahren. Das bedeutet, dass ein einzelner unternehmenskritischer Prozess identifiziert und durch präzise digitale Nadelstiche optimiert wird.

Trotz großem Innovationswillen im Handwerk, blockiert noch immer eine Gruppe von mindestens 20% der Handwerksunternehmen ihre Entwicklung mit der Hypothese die eigene Dienstleistung, das eigene Produkt oder Geschäftsmodell sei nicht digitalisierbar (2). Mahnende Beispiele aus dem Buchhandel oder der Unterhaltungsbranche werden hier konsequent ausgeblendet. Obgleich diese Unternehmen der Überzeugung sind, dass die Digitalisierung keinen Einfluss auf sie haben wird, muss klar kommuniziert werden, dass traditionelles Handwerk zwar im Sinne der Qualitätsproduktion sowie des Marketings kultiviert und auch gelebt werden sollte, jedoch als alleinstehender Faktor kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell darstellt, auch wenn die Geschäfte derzeit sehr gut laufen. In Zukunft gilt es weiterhin die unterschiedlichen Bedarfe des heterogenen Handwerks zu identifizieren und konkrete Lösungsansätze aufzuzeigen. Fest steht, dass sich Geschäftsmodelle und Realitäten durch die Digitalisierung verändern werden. Herausragende handwerkliche Fähigkeiten und ein Mindestmaß an kaufmännischem Know-how werden zukünftig nicht ausreichen den steigenden Anforderungen der Digitalisierung gerecht zu werden.

Das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk Schaufenster West unterstützt Handwerksunternehmen u.a. dabei ein individuelles Verständnis von Digitalisierung zu entwickeln, Schwachstellen und Prozesse zu analysieren und diese mithilfe digitaler Komponenten zu optimieren. Darüberhinaus steht es den Unternehmen bei allen Fragen der Digitalisierung begleitend zur Seite. Weitere Informationen und den Kontakt zu allen vier Schaufenstern finden Sie unter: www.handwerkdigital.de.

(1) Basis: Alle befragten Handwerksunternehmen (n= 504),
Studie ZDH – Bitkom Research

(2) Basis: Alle befragten Handwerksunternehmen (n= 504),
Studie ZDH – Bitkom Research

Das Projekt Kompetenzzentrum Digitales Handwerk ist Teil des Förderschwerpunktes „Mittelstand- Digital – Strategien zur digitalen Transformation der Unternehmensprozesse“, der vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) initiiert wurde, um die Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen und im Handwerk voranzutreiben. Weitere Informationen zum Förderschwerpunkt finden Sie unter: www.mittelstand-digital.de.

Zum Autor:


Lukas Wieberg ist Prozessmanagement-Experte für das Kompetenzzentrum Digitales Handwerk an der Handwerkskammer Koblenz (Mittelstand 4.0 – Förderinitiaitve des BMWi) an der Handwerkskammer Koblenz. Seine Hauptaufgabenfelder sind die Entwicklung von Methoden zur Modellierung und Einführung kundenorientierter sowie digitaler Prozesse in mittelständischen Unternehmen.

 

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